Hans heinrich keller
Was Hans Heinrich Keller (1778 Zürich – 1862 Zürich) in dieser fast quadratischen Zeichnung dokumentiert, ist ein durchaus geläufiges optisches Phänomen, das sich häufig in Bergregionen ereignet. Sobald sich Nebel wie eine Projektionsfläche vor den Augen des Betrachters auftürmt, können Objekte, die von der Sonne rückseitig angestrahlt werden, darauf ihre Schatten werfen.
Johann Esaias Silberschlag erläuterte dieses Phänomen, das ihm selbst auf dem Brocken begegnete, erstmals 1780: «Der dünne Nebel stellete eine Wand vor, auf welcher die Schattenrisse sich vergrössern, je weiter das Urbild von der Wand entfernet stehet, und die Sonne vertrat die Stelle des Lichts.» 1
Auch die Glorie, die sich um das Schattenbild legt, kann naturwissenschaftlich erklärt werden, wird hier doch das Sonnenlicht von den feinen Nebeltropfen zurückgestreut. Vergleichbar mit der Entstehung eines Regenbogens wird das Licht dabei gebrochen und in verschiedene Farben zerlegt.
Doch ebenso nüchtern, wie man dieses Phänomen beschreiben kann, ebenso einladend ist es für Legendenbildungen. Wenngleich das Phänomen landläufig unter dem Begriff «Brockengespenst» kursiert, hatte man auch für die Rigi eine entsprechende Begriffsbildung angestrebt. So publizierte Moritz Busch in der «Gartenlaube» 1877 einen Bericht unter dem Titel «Das Rigigespenst», um an einer Stelle zu konstatieren: «Man hat oft vom Brokengespenste gehört, jener Luftspiegelung im Nebel, […]. Auch der [sic] Rigi hat sein Gespenst». 2
Den Gegenstand, den Keller in seiner Zeichnung erfasst, dürfte man freilich kaum mit dem Begriff «Gespenst» assoziieren. Das prachtvoll in der Ferne sich abzeichnende Kreuz lässt vielmehr an eine himmlische Vision denken. Die unterhalb der Zeichnung notierte Information hat den Charakter einer eidesstattlichen Versicherung: «Auf der Rigi-Culme gesehen Ao 1804. / den 11 Aug: eine halbe Stunde vor Sonnen / untergang.»
Wenige Werke im Kunsthaus Zürich sind dem Publikum so wohlvertraut wie der «Rhonegletscher» (Inv.-Nr. 386) von Johann Heinrich Wüest (1741 in Zürich – 1821 in Zürich). Es darf als Glücksfall bezeichnet werden, dass unser Haus mit dem «Schaffhauser Rheinfall» nun das ursprüngliche Pendant dieses Werkes aus Privatbesitz erwerben konnte1. Vereint waren die zwei Gemälde zuletzt in unserer Ausstellung zur Romantik in der Schweiz (13.11.20 – 14.2.21)2, und der nun zustande gekommene Kauf ist ein glückliches Beispiel dafür, dass sich im Zusammenhang mit Ausstellungen immer wieder die Möglichkeit einer bedeutenden Erwerbung auftun kann.
Beide Ölgemälde gehörten ursprünglich zu einer 18-teiligen Wanddekoration im Gartensaal des Zürcher Hauses «Zum Wollenhof» (heute Schipfe 59) und hatten dort zweifellos eine Sonderstellung inne, bedenkt man, dass die restlichen Panneaux des Ausstattungsprogramms unspezifische Landschaften darstellen (einige dieser Panneaux befinden sich ebenfalls im Kunsthaus; s. Inv.-Nr. 387–390).
Für eine Wanddekoration fällt auf, dass Wüest nicht nur beim «Rhonegletscher», sondern auch beim «Schaffhauser Rheinfall» dem Himmel auffällig viel Platz eingeräumt hat: jeweils mehr als die obere Bildhälfte wird vom Blau des Himmels und dem bewegten Spiel der Wolken eingenommen, was im funktionalen Zusammenhang einer Wanddekoration durchaus vom Eigensinn des Künstlers zeugt.
Beide Werke sind auch insofern von ausserordentlichem Rang, als sie eigenhändige Interpretationen von kleinformatigen Ölstudien sind, die Wüest einige Jahre zuvor im Auftrag des englischen Naturforschers, Archäologen und Kunstsammlers John Strange angefertigt hat. Dass die diesjährige Erwerbung auch diese zwei Ölstudien umfasst, unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des Ankaufs, stufte doch das Kunsthaus die kleine, für Lord Strange gemalte Holztafel mit dem Rhonegletscher noch 2007 als «verschollen»3 ein.
Nicht nur kann das Kunsthaus mit diesem Zuwachs an kapitalen Werken Wüests ein Stück Zürcher Wissens- und Kulturgeschichte vermitteln. Auch darf unser Haus nun prachtvolle Interpretationen zweier Naturschauspiele direkt nebeneinander präsentieren, die den Zauber des jeweiligen Ortes gekonnt einzufangen vermögen.4

Johann Heinrich Wüest Schaffhauser Rheinfall, 1772

Johann Heinrich Wüest Rhonegletscher, 1772
1 Das Werk stammt aus der umfangreichen Rheinfallsammlung von Peter Mettler.
2 Vgl. Ausst.-Kat. Im Herzen wild. Die Romantik in der Schweiz, Kunsthaus Zürich,
München/London/New York 2020, S. 158.
3 Kunsthaus Zürich. Gesamtkatalog der Gemälde und Skulpturen, hrsg. von Zürcher Kunstgesellschaft, Ostfildern 2007, S. 70.
4 Vgl. eingehend zu beiden Werken Ruth Vuilleumier-Kirschbaum, «Spurensuche zum Schaffhauser Rheinfall von Johann Heinrich Wüest», in: Ausst.-Kat. Der Rheinfall. Erhabene Natur und touristische Vermarktung, Mittelrhein-Museum Koblenz, Regensburg 2015, S. 27–38. Dort auch die Erwähnung zweier gezeichneter Vorstudien Wüests zum Schaffhauser Rheinfall, die unsere Grafische Sammlung im Studienband O 49, fol. 39 verwahrt.